Klaus Ospald

Konzert für Ensemble und Violine

Besetzung: Violine solo, Orchester
Flöten (3) (Piccoloflöte (3), Bass-Flöte (2)), Klarinetten (2) (Bass-Klarinetten (2), Kontrabass-Klarinette), Fagotte (2) (Kontrafagott (2)), Hörner (2), Trompete, Posaunen (2), Tuba, Schlagzeuge (2), Klavier, Streicher, Violine solo
Mietmaterial
Dauer (h:m:s): 00:40:00
Verlag Neue Musik GmbH / NM11272
ISMN: 9790203216520

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Beschreibung

Anmerkungen zum Konzert für Violine (2003/04)
Von Klaus Ospald

Indem der Komponist sich sprachlich äußert, wechselt er das Medium, das ihm, wie in diesem Fall, nur bedingt behagt:
denn das, was er in Tönen gedacht hat, liegt als akustisches Ereignis vor und kommt dem Hörer unweigerlich zu Ohren.
Allerdings können Entstehungsgeschichte, Hintergründe etc. eine Aufnahmebereitschaft verstärken, den eigentlichen Wahrnehmungsprozess jedoch nicht ersetzen. So werde ich versuchen, mit Worten um das Werk einige Zeichen zu setzen, in der Hoffnung, dass Sie schnell genug lesen können, da ich doch mehr schrieb als es vorher beabsichtigt war.

Oft schälen sich Werke aus einer Kette von Zufälligkeiten: die Bekanntschaft mit dem Collegium Novum Zürich durch Peter Hirsch vor zwei Jahren mit der Erstaufführung der Tschappina-Variationen am gleichen Ort, die lebhafte Resonanz auf beiden Seiten bis hin zu dem Brief von Bettina Boller, die mit der Tür ins Haus fiel und nach einer Komposition
„Ausschau“ hielt, die auch flugs begonnen wurde …

Mit jeder neuen Komposition gilt es eine „Hörgestalt“ zu evozieren, die beim Hören den Komponisten zum Vergessen bringen sollte. Dass wohl seine Denkart sich in das Verknüpfungsverfahren der Töne einwebte, jedoch nur, um diese von innen zu beleuchten. Da die „Gehirnkammern“ bei mir nicht getrennt sind, und jede „Gehirnkammer mit einer
Herzkammer“ (Jean Paul) verbunden ist, gestalten sich meine Werke oft allusionsreich. (Ich führte ein kurzes Gespräch mit Debussy und seinem imaginierten Gesprächspartner Moniseur Croche im Nebel und fragte sie, was sie über das Verhältnis Reflexionsvermögen und Intuition als gegenseitig sich bedingende Kräfte dächten. Debussy schmunzelte nur
und meinte, dass diese dialektische Reduktion nur ein Mittel wäre, um … hier verstand ich ihn nicht mehr, da der Nebel so stark wurde, dass ich beide verlor und mich mit den Tönen allein wieder fand).

Hier sei auch der Dichter Jean Paul genannt, der mich seit Jahren innigst begleitet. Mit dem folgenden Abschnitt sei meine ganze Verbundenheit mit ihm und seiner Denkart ausgedrückt: „Hier ringen negativ elektrische Philosophie und positiv elektrischer Enthusiasmus miteinander um ein Gleichgewicht. […] Wenn der Mensch mit der kleinen Welt, wie der Humor es tut, die unendliche ausmisset und verknüpft , so entsteht jenes Lachen, worin noch ein Schmerz und eine Grösse ist.“ Ein schöneres Motto für meine Werke habe ich bis jetzt noch nicht gefunden. Möge der Hörer ein wenig von dieser Lesart, die Welt zu betrachten, in die Musik hineinnehmen. Auch wenn Jean Paul schon über 170 Jahre tot ist, macht die Evolution nun nicht solche Sprünge, dass wir glauben können, nur weil wir Geisterstimmen im Auto hören, die uns sagen, wohin wir fahren sollen (was würde ein Aal zu dieser erschütterneden freiwilligen Entmündigung der Orientierungssinne sagen?), sind die Dichter und Denker aus dieser Zeit verstaubte Skelette. Es ist nicht immer so, dass, wenn man innehält und kurz zurückschaut – gleich Orpheus – in die von „Göttern“, welche Eigeninteressen sie auch immer dazu trieb, aufgestellten Fallen tappt. Der Riss entsteht, wenn man Wertvolles wiederholend besitzen will, nicht, wenn man aus der Entfernung eigene „Fühlfäden“ spinnt und einer kurzzeitigen Gemeinsamkeit in der
fremden Verbundenheit nachspürt, so, als hätte man einen alten Spiegel gefunden, der Risse, vergilbte aber auch intakte Flächen enthält.

In diesem Zusammenhang wird der Humor zu einem wichtigen Aspekt der Gestaltung: es ist nicht Spaß oder Witz gemeint. Humor ist ernstgemeintes Lachen, er verbindet und trennt im gleichen Moment, er entwurzelt und destabilisiert die eigene oder fremde Überzeugung von Gedachtem, von Werten und Übereinkünften, von Hierachien
und nimmt dem Wichtig-daher-Kommenden seine Eingebildetheit. (Der Wunsch nach einem Kind, das häufiger ruft: „Aber er ist ja ganz nackt!“)
Damit unterscheidet er sich erheblich vom Spaß, der keinen Widerstand kennt und sich selbst auch nicht in dem „irdischen Irrgarten“ (H. Arp) verstrickt sieht. Humor ist in meiner Musik auch nicht entfremdend gemeint: Es gibt hier keinen moralisch aufmerkenden Impetus, um deutlich zu machen. Es spiegelt eine tiefe Verbundenheit, Liebe
und Achtung für die betreffende musikalische Gestaltung, die, wenn man sie behutsam wendet, noch verwandelbare Perspektiven für mich enthält. Humorvolles Lachen ist nie verächtliches Auslachen, kann aber eine Menge Zorn enthalten. Es ist die bittere plötzliche Einsicht einer Unmöglichkeit, die sich nach außen stülpt, ein Sich-selbst-außer-
Kraft-Setzen, das lustvoll erlebt wird; die Einsicht in die Getrenntheit von Ansichten, Meinungen, Wertvorstellungen etc., die unverrückt scheinen in dem Was, sich ähneln jedoch in dem Wie; eine Einsicht, die sich wie ein Rinnsal durch die Zeiten zwängt und immer wieder einen Weg findet, sei er auch noch so krumm.

Auch wenn der Komponist durch ein notwendiges Heraustreten aus den oft wundersam sinnlosen und erschreckenden Verstrickungen der Außenwelt in die imaginiert akustische Wirklichkeit wechselt, schleicht sie sich doch immer wieder durch die Hintertür hinein: dann spannt sich der Bogen und beginnt zu zittern …




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