Beschreibung
„Schweig und sei still!“ ist Wolf Heinrich Graf von Baudissins Übertragung (1832) von Shakespeares „Piece, and be still“ – die Worte, mit denen Othello alle Versuche Desdemonas, ihre Unschuld zu beweisen, brutal zum Schweigen bringt. Bezeichnenderweise fehlt in Verdis Otello (1879-87) dieser entscheidende Satz in Boitos Text, denn kurz nach Desdemonas „Weidenlied“ und „Ave Maria“ schreitet die Handlung zur Mord-Anklage mit schrecklicher Schnelligkeit voran. im zweiten Kapitel von „Wenn du geredet hättest, Desdemona“ (1983) phantasiert die deutsche Schriftstellerin Christine Brückner darüber, was Desdemona hätte tun können, um sich selbst zu retten, wenn Othello ihr nur eine Viertelstunde Zeit zum Sprechen gegeben hätte. Tatsächlich hatte bereits Rossini eine solche Auflösung vorweggenommen, als er seinen Otello von 1816 für die römische Erstaufführung im Jahr 1820 umschrieb.
All diese verschiedenen Elemente aus der Literatur- und Musikgeschichte scheinen im gemeinsamen Shakespeare-Ursprung vereinzu zu sein und stehen doch im Grunde genommen im Widerspruch zueinander. Brückners imaginärer „Monolog“ für Desdemona ist eigentlich ein Dialog mit Othello, der auf ihre Worte abwechselnd mit Unterwerfung und Widerstand reagiert, während er (und nicht Desdemona) für fünfzehn Minuten „schweigt und still“ bleibt. Diese fünfzehn Minuten sind ungefähr gleich lang wie Verdis Musik für Desdemonas „Weidenlied“ und „Ave Maria“, aber damit enden auch die Gemeinsamkeiten der beiden Viertelstunden. Verdis Heldin singt ausgezeichnet, zuerst zu einem fast stummen Begleiter und dann im einsamen Gebet zur Jungfrau Maria. Später, als sie Otellos besinnungsloser Wut begegnet, findet sich nicht ihren Charme, in zu beruhigen, obwohl ihr Leben davon abhängt. Im Gegensatz dazu ist Brückners Heldin von ihrer vollständigen Entlastung durch die Fakten überzeugt, und vor allem auch von ihrer sexuellen Macht über ihre Ehemann, die sich vorhersehbar immer wieder ausnutzen wird, um sowohl ihr Leben als auch ihre Ehe zu retten. Diese eher „matriarchalische“ Desdemona von Brückner (und Rossini) ist also modern und archaisch gleichzeitig und sicherlich unbekümmerter und raffinierter als die eher passive Desdemona von Shakespeare/von Baudissin/Boito.
Um diese Desdemonas in einem Werk zusammenzufassn und miteinander zu konfrontieren, haben die Sopranistin Kirsten Borchard und ich ein fortlaufendes „Monodram“ entworfen, das zur Hälfte gesungen, zur Hälfte gesprochen, mit einem Ensemble aus mehreren Celli und Klavier aufgeführt wird.
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