Walter Zimmermann

Abgeschiedenheit für Klavier (1982)

Vom Nutzen des Lassens nach Meister Eckhart 8.2.2
Besetzung: Klavier
Klavier
Dauer (h:m:s): 00:20:00
Geheftet
Format: 23 x 31 cm
Seiten: 20
Verlag Neue Musik GmbH / NM3995
ISMN: 9790203266594
ISBN: 9783733332471

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Beschreibung

VOM NUTZEN DES LASSENS (1981-1984)
nach Meister Eckhart

Meister Eckhart beschäftigt mich bereits ein halbes Jahrhundert. Angeregt durch meine ersten Reisen in die USA für die Sammlung von Gesprächen für Desert Plants (conversations with 23 american musicians) in den siebziger Jahren, stieß ich bei der Lektüre von Cage‘s Diaries & Essays wieder auf Eckhart und verstand sein Denken als Brücke von Cage zu Zen zu Europa.
Zurück in Köln, besuchte ich das Meister-Eckhart-Institut und traf dort noch Josef Quint an, den Herausgeber der Schriften, las in den mittelhochdeutschen Ausgaben. Herbert Henck schließlich schenkte mir eine Ausgabe zum Geburtstag. Zugleich studierte ich gregorianischen Gesang und versuchte diese Erfahrungen in ein erstes Stück zu Eckhart, Gelassenheit für Alt und zwei Gitarren, umzusetzen. Auch versuchte ich, die als „Scintilla animae“ (das Seelenfünklein) beschriebene Erleuchtungserfahrung darzustellen. Aber ich begriff bald, dass das etwas verkrampfte Wollen dieses Stückes lange nicht einlösen kann, worauf Eckhart abzielt. Es wurde sozusagen Gelassenheit in Befehlsform: „Darum fang zuerst bei Dir selbst an und lass Dich!“ Das Klaviertrio Ephemer entstand als nächste Auseinandersetzung mit Meister Eckhart. Dadurch verstand ich, dass man die Gedanken Eckharts in keiner Weise programmatisch vorstellen kann, sondern sie direkt in die Behandlung des Materials eingehen
lassen muss, was heißt, die Ideenbehaftetheit der Worte Meister Eckharts in Klang aufzulösen, um somit einen Prozess einzuleiten, der schließlich auch die Worte selbst auflöst.
Ähnlich wie man im Zen zu dem Punkt kommen sollte, nicht mehr über Zen sprechen zu wollen/müssen, weil es so in das alltägliche Leben eindringt, dass man nicht mehr bemerkt, wie man Zen lebt, so versuchte ich, das Denken Meister Eckarts zu durchdringen, um es in mein Denken über Musik zu integrieren. Ich wollte nun ohne programmatische Selbstaufforderung meine Verhaftungen mit Vergangenheit auflösen. Den Punkt zu erreichen, eben diese Phänomene nicht mehr zu besetzen, sie in ihrer Eigentlichkeit Gestalt werden zu lassen, kommt dem nahe, was im Zen-Buddhismus „Nicht-Verhaftetheit“ und bei Meister Eckhart eben „Gelassenheit“ bedeutet.
So gewann dieser Prozess erst in dem Klavierstück Abgeschiedenheit seine eigentliche Gestalt. Der klangliche Raum öffnet sich noch weiter, hin zur eigentlichen Auflösungsarbeit im Stück Lösung für trio basso, das im Nicht-Klingen endet. Danach blieb nur noch, die Texte von Meister Eckhart selbst – die den Stücken Weg und Richtung gaben – aufzulösen. So entstand
Selbstvergessen für Sprech-Singstimmen und obligate Klänge, das 1992 in NYC mit David Tudor und Ensemble aufgeführt wurde als Musik für die Merce Cunningham Dance Company. Auf die Frage, was er den jungen deutschen Komponisten empfehle, antwortete John Cage in Bremen 1982: „Meister Eckhart lesen“. Dies tat ich.




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