Beschreibung
Zu der Komposition HaydnMauer gab es verschiedene Anstiftungen. Zunächst der mich überraschende und erfreuende Anruf an einem schönen Spätsommertag im letzten Jahr von Andreas Spering, ob ich mir vorstellen könnte, ein Stück für die capella augustina im Rahmen des Haydnfestivals der Brühler Schlosskonzerte zu schreiben. Also eine Anstiftung, mich musikalisch in Neuland zu wagen. Ich hatte noch nie für ein
Originalklang-Ensemble geschrieben. Eine zweite Anstiftung fand ich dann in mir selbst:
sozusagen spezifische Haydn-Erinnerungen aus meiner Kinderzeit, in der, wann immer
ich erfuhr, dass die Musik auf dem elterlichen Plattenteller von einem gewissen Haydn
sei, ich eine kerzenflackernde, stürmisch selbstbewusste Festlichkeit imaginierte, die nicht enden wollte und die darauf wartete, mich aufzunehmen in ihren immer neu sich aufladenden und aufleuchtenden, wirbelnden Zug.
Diese erfahrene Gegenwart einer „Geglücktheit“, welche heute noch in mir aufbricht, wenn ich hörend und analysierend mit dem Wunderbau der Musik von Haydn beschäftigt bin, war aber nun zugleich der stärkste Hinderungsgrund, eine Musik in Bezug zu Haydn selbst zu komponieren: Dieser unüberwindlich erscheinende Klassenunterschied. Über eine kompositorische Annäherung an Haydn nachdenkend, schlich ich gleichsam um eine musikalische Festung mit Namen Haydn, und da stellte sich das Bild der aufragenden Mauer ein, die ich meinte, nie erklimmen zu können – und der etwas närrische Titel HaydnMauer war geboren. Dazu kommt der Kalauer, dass in meiner Heimatstadt Lindau ein Teil der alten Stadtbefestigung Heidenmauer heißt (weil man annahm, er sei noch römischen Ursprungs) und weil als Kind dieser Haydn vom Plattenteller und diese Bushaltestelle Heidenmauer wunderlich zusammenflossen.
In meiner Komposition ist nun die Harmonik der Naturhörner das Ferment, mit dem die
HaydnMauer sich öffnet. Die sonst strikt ausgesparten Naturtöne 7 und 11, die deutlich
von der temperierten Stimmung abweichen, an die sich unser Ohr (leider) schon so lange gewöhnt hat, spielen hier eine bedeutende Rolle, um das fugenlose harmonische System Haydnscher Musik zu unterlaufen. Als Bezugspunkt dient die Symphonie Nr. 102 in B-Dur. Deutlich sind Satztypen wie das einleitende Largo und das Allegro vivace (im Original nur Vivace) des ersten Satzes zu erkennen, wobei das Largo immer weiter ausgreift und mit efeuartigen harmonischen Wucherungen den „Bau“ der Haydn-
Festung umwächst.
Nikolaus Brass, März 2020


















