Beschreibung
Besetzung:
Orch I: 1.1.1.1. – 1.0.0.0. – S(1) – Str(5.4.3.2.1)
Orch II: 2(Picc).2(Eh).2(Basskl).2(Kfg) – 4.2.3.1. – S(2) – Str(10.8.6.4.3) – Zuspiel
ZUVOR
Die „imaginären Tänze“ entstanden auf Anregung von Hans Rotman für ein Orchestertreffen innerhalb des IMPULS-Festivals 2008 im Auftrag des Landesmusikrates Sachsen-Anhalt. Die Entstehung fällt in die Zeit zwischen März und Juni 2008. Das suitenartige Werk, bestehend aus fünf Tänzen, deren Moden sich vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert erstreckten, entspricht in der Besetzung einem groß dimensionierten Concerto grosso. Die Titelung „imaginär“ bezieht sich darauf, dass es sich um Stlisierungen und um die Vorstellung des Komponisten über diese Tänze handelt und nicht um Tanzmusik.
1. La Basse danse imaginaire: Die Basse danse ist in zahlreichen Varianten bekannter festlicher Gesellschaftstanz des 15. und 16. Jahrhunderts. Als Eröffnungsstück fast prunkvoll beginnend, entspannt sich dann über das Stück ein imaginär anmutendes metrisches Spiel zwischen Zweier- und Dreier-Einheiten, die hier als Kuriosum in einem 5/4-Takt zusammengefasst sind und so ausreichendes Konfliktpotential anbieten, bis
zur Triole im kleinen Orchester, die wie durch ein Stolpern bereits den letzten Walzer andeutet.
2. La danse piétinant: Dieser Satz beinhaltet als Form eine Estampi(e), also einen Stampftanz. Der altfranzösische Tanz im Dreiertakt wurde bereits in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts als Tanzlied der Troevèrs und Troubadours verwendet. Erst im 14. und 15. Jahrhundert ist daraus eine reine Instrumentalform geworden. Der Name leitet sich aus dem Gotischen von stapjan = stampfen ab.
3. La Chaconne visionnaire: Die Chaconne ist ursprünglich ein spanischer Volkstanz, dessen Blütezeit das 16. Jahrhundert fällt. Kompositionstechnisch handelt es sich um eine Verbindung von Variation und Ostinato. Einer zumeist achttaktigen Figur im Bass – in der Regel eine gewöhnliche Bassus-generalis-Linie – steht eine Melodie in den Oberstimmen gegenüber. Während der Bass ostinatoartig wiederholt wird, variiert die Melodie dazu bei jeder Wiederholung. Die Töne der Melodiestimme, auf wenige Geigen in den beiden Orchestern einzeln aufgeteilt, überlagern sich, als ob man die Melodie in einer großen, vom Hall geprägten Kathedrale aufführt. Auch die Bass-Linie ist auf die tiefen Streicher beider Orchester verteilt. Jedoch versetzt, so dass der barocke Bassgang seine Eindeutigkeit einbüßt und zum bloßen Gestus mutiert.
4. La danse de l’ombre: Ein Schattentanz ist eine spezielle Tanzform aus dem 20. Jahrhundert, bei dem die Akteure hinter einer Stoffwand agieren. Durch das Licht der Scheinwerfern von der Hinterbühne entstehen Schattenbilder auf der Stoffwand. Das Publikum sieht die Schatten von der vorderen Stoffseite. Die Tanzenden formen bei eher
ballettartiger Musik assoziationsreiche Figuren. Kompositionstechnische Grundlage für diesen Satz bildet eine dodekaphone Reihe.
5. La dernière valse: Die letzten Takte des „Letzten Walzers“ entstanden in der Klinik nach einem Herzinfarkt. Der Bruch ist deutlich hörbar. Der Wiener Walzer, aus dem Deutschen Tanz um 1770 hervorgegangen, verdrängte spätestens nach dem Wiener Kongress 1814/15
das aristokratische Menuett aus dem Ballsaal. Als Symbol gehemmter revolutionärer Stimmungen bezeichnete Eduard Hanslick ihn als „Marseillaise des Herzens“. Der Beginn ist eine Parodie bei der ich spezielle Spieltechniken eingesetzt habe. Nach dem Bruch kommt die Musik aus der Konserve, während der große Klangkörper aushaucht – eine einsame Violine atmet den Takt – gedehnt auf eine Ewigkeit. Das elektroakustische Zuspiel besteht aus synthetisiertem Klangmaterial (samples) der Tänze, das mittels eines softwarebasierten Vocoders digital bearbeitet und computergestützt abgemischt wurde.


















