Beschreibung
Die Estampies Royales gelten als die älteste überlieferte Instrumentalmusik des Abendlandes. Mit diesem Heft lade ich den fortgeschrittenen Gitarristen ein, die früheste Quelle unserer heutigen Instrumentalmusik zu entdecken und sich mit meinen Neuinterpretationen dieses kostbaren mittelalterlichen Schatzes auseinanderzusetzen.
Die beigefügten musikwissenschaftlichen Transkriptionen der Originalmelodien können dem Gitarristen Einblicke in das historische Material geben, als auch anderen Instrumentalisten den Zugang zu dieser frühen Instrumentalmusik ermöglichen.
Zu finden sind die königlichen Estampies in dem kostbar ausgeschmückten Manuscrit du Roi, auch Chansonnier du Roi genannt, das im 13. Jh. als eine Liedersammlung französischer Troubadourlieder angelegt und später weiter ergänzt wurde. Die einstimmigen Melodiefolgen sind eindeutig als Instrumentalstücke zu werten, höfische Tänze zu denen vermutlich „gestampft“ wurde, chronologisch nummeriert und mit „Estampie Real“ bzw. „Estampie Royal“ bezeichnet.
Formal besteht jede Estampie aus vier bis sieben unterschiedlichen Strophenmelodien, Puncti genannt, und ist charakterisiert durch zwei refrainartig wiederkehrende Schlüsse. Der offene Schluss Ouvert wird nach dem ersten Erklingen der jeweiligen Strophenmelodie gespielt und ihre Wiederholung mit dem Clos abgeschlossen.
Der Notationsform zufolge haben zwei Schreiber die Tänze in der Zeit zwischen 1290 und spätestens 1310 in die Schrift eingefügt. In keiner früheren Handschrift wurde bisher solche Musik entdeckt. Und es kann schon als ein äußerst glücklicher Umstand gewertet werden, dass die Melodien überhaupt notiert wurden, denn zu dieser Zeit gaben die Musiker ihr instrumentales Repertoire, im Gegensatz zum vokalen, normalerweise nur mündlich weiter.
Ganz Europa war in dieser Zeit von regem kulturellen Austausch geprägt mit zollfreien Straßen voll Reisender: Pilger, Kaufleute, Vagabunden, abenteuernde Ritter, Kreuzfahrer und natürlich Minnesänger und Spielleute aller Stände. Die höfischen Musikanten waren verhältnismäßig hoch gestellt. Gut ausgebildet spielten sie zur Unterhaltung und zum Tanz der höfischen Gesellschaft, begleiteten die Minnesänger und Troubadoure bei ihren Besuchen am Hofe oder reisten selbständig quer durch das Abendland. Im Gepäck sicher auch die Estampies, die Ausdruck des kulturellen Reichtums dieser Zeit sind.
700 Jahre alte Musik, die uns wie durch ein Zeitfenster zu den Ursprüngen unserer heutigen Instrumentalmusik zurückschauen lässt und durch das ich diese Musik in unsere Gegenwart bewegen möchte.













